Home      Spielstube    Kinderhaus    Schule   
  Sie sind hier:   Home  |   Kinderhaus
Mittwoch, 21. November 2018


Vom Greifen zum Begreifen

von Anja Grajetzki

  

 

Lilly (drei Jahre alt) baut Türme aus den farbigen Zylindern. Sie lernt damit die Unterschiede von Form und Farbe kennen.

Maria Montessori geht in ihrer Pädagogik davon aus, dass der begrifflichen Wahrnehmung die Wahrnehmung mit allen Sinnen vorausgeht: das Kind gelangt durch das Greifen zum Begreifen. Um diesen Weg des Begreifens zu ermöglichen, wurden von Maria Montessori für die verschiedenen Sinnesfunktionen Materialien entwickelt, mit deren Hilfe die einzelnen Sinne des Kindes angeregt und somit gefördert werden. Montessori versteht jedoch ihre Sinnesmaterialien nicht als Ersatz für die Eindrücke der Umwelt, sondern sieht ihre Materialien als Schlüssel zur Welt. Mit diesem Schlüssel ist das Kind in der Lage, die Eindrücke, die es aus seiner Umgebung empfängt, klar zu erkennen, zu unterscheiden, zu kombinieren. Die amMaterial gewonnenen Erkenntnisse werden vom Kind in seiner Umgebung ausprobiert und angewandt und verhelfen ihm zu einer inneren Ordnung.

Materialien, die die Sinne ansprechen

Alle von ihr entwickelten Sinnesmaterialien, gleich welche Sinnesfunktion sie ansprechen, unterliegen gewissen Eigenschaften, die dem Kind einen angemessenen und selbst.ndigen Umgang mit ihnen ermöglichen. Bei jedem Material steht eine Eigenschaft im Vordergrund: diese wird isoliert und somit vom Kind besonders wahrgenommen. Maria Montessori spricht dabei vonder Isolierung der Schwierigkeiten. Das Kind kann so seine Eindrücke optimal steuern und ordnen. Es wird ihm somit eine klare Gliederung des Lernens ermöglicht. Eine Konfrontation mit vielerlei Eindrücken gleichzeitig könnten das Kind hingegen verwirren. Der starke Aufforderungscharakter des Materials ermuntert das Kind zu eigenem Tun und kommt seinem Wunsch nach Bewegung und Selbsttätigkeit nach. Es beansprucht seine gesamte Aktivität.

Polarisation der Aufmerksamkeit

Eine einfache Einführung in den Umgang mit den Materialien ermöglicht dem Kind selbst.ndig damit zu arbeiten. In der Drei-Stufen-Lektion Benennen, Festigen, Abfragen gelangt es zu weiterer Unabhängigkeit. Die im Material eingebaute Fehlerkontrolle erlaubt dem Kind eigenständig zu prüfen, ob es richtig gehandelt hat. Es kann sich gegebenenfalls korrigieren, ohne auf das Eingreifen eines Erwachsenen angewiesen zu sein. Durch intensivste Auseinandersetzung desKindes mit den Sinnesmaterialien gelangt es – nach Maria Montessori – zum Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit: Das heißt, das Kind konzentriert sich und entfaltet all seine geistigen und seelischen Kräfte. Sie verhilft dem Kind zum Aufbau einer unabhängigen Persönlichkeit. Sie ist frei, seine eigenen Begabungen, Stärken und Interessen zu entwickeln. Die große Konzentration äußert sich im häufig wiederholten Hantieren mit dem Material. Dabei dringt das Kind immer tiefer in die Problematik und in die Gesetzmäßigkeit des jeweiligen Materials ein. Für das Kind aber ist allein das Tun entscheidend. Seine Konzentration lässt erst nach, wenn seine selbst gestellte Aufgabe zufrieden stellend gelöst ist. Der Erwachsene kann dabei die Tätigkeit des Kindes respektvoll beobachten und lernt die Art der kindlichen Auseinandersetzung mit der Welt zu verstehen. Er greift nur dann ein, wenn Hilfe wirklich nötig ist.

 

 

Auszug aus dem Jubiläumsbuch des Montessori-Kinderhauses, das anlässlich des 20-jährigen Bestehens veröffentlicht wurde. Das Werk widmet sich in einem Kapitel der Montessori-Pädagogik und erläutert sie an Beispielen aus täglichen Leben im Kinderhaus.   

Lilly stapelt die Zylinder entsprechend der Farbe und Größe.

Lilly setzt den letzten Zylinder aus den Turm und hat die Aufgabe grandios gemeistert.